Es ist heiß hier im Kibbuz Grofit, rund 45 Kilometer nördlich von Eilat, der Perle an der Nordspitze des Roten Meeres. Ich stehe auf einem kleinen, etwa 140 Meter hohen Bergrücken inmitten der Wüste Negev, die 70 Prozent des Israelischen Staatsgebietes umfasst. Von hier oben blicke ich auf die kleine grüne Melonen-Plantage in der ansonsten ausgetrockneten Ebene. Dort hinunter wird mich mein Weg gleich wieder führen. Zusammen mit anderen internationalen Freiwilligen der Vereinigten Kibbuz-Bewegung werde ich dann wieder auf dem Bauch liegend in Bodennähe über die Plantage gefahren und werde dabei Melonen ernten. Später werden wir die süßen Früchte an Förderbändern nach ihrer Größe sortieren und für den Export herrichten.
1988: Das Erstarken der Hamas vor Ort erlebt
Das war im Mai 1988. Ich war 21 Jahre alt und damit genau so jung wie der Kibbuz Grofit selbst. In meinem Bus der Linie 394 von Tel Aviv nach Eilat fuhren israelische Soldaten mit Maschinengewehren mit. Warum? Wenige Monate zuvor, im Dezember 1987, war die Erste Intifada ausgebrochen. Also jener große Aufstand primär junger Palästinenser im Westjordanland und im Gazastreifen, der bis 1993 dauern sollte. Dieser Kampf machte eine Gruppe groß, die erst ein Jahr zuvor als Zweig der Muslimbruderschaft gegründet worden war. Die Rede ist von der sunnitisch-islamistischen palästinensischen Terrororganisation Hamas.

Diese hat bekanntlich die Vernichtung Israels zum Ziel. Kein Wunder also, dass bewaffnete Soldaten damals landesweit in Bussen mitfuhren und an neuralgischen Punkten patrouillierten. Gott sei Dank bin ich weder im bereits damals gut gesicherten Kibbuz Grofit noch in der pulsierenden, liberalen Großstadt Tel Aviv oder in Jerusalem, der Hauptstadt dreier Weltreligionen (Christentum, Islam und Judentum), in eine Schlacht dieses „Kriegs der Steine“ geraten oder gar Opfer eines Attentats geworden. Allenfalls an Generalstreiks erinnere ich mich. Angst hatte ich keine. Schließlich hatte ich zuvor in den USA gelernt, auf eigenen Füßen durchs Leben zu gehen. Aber ich war vorsichtig.
9. November 2016: Mit Angela Merkel in Jakobs Zelt
Wir spulen 28 Jahre vor: Es ist der 9. November 2016. Ein historisches Datum für uns Deutsche. An diesem Tag habe ich die große Ehre, die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern ehrenamtlich zu unterstützen. Der Anlass ist ein doppelter Festakt: Zum einen feiert die Gemeinde den zehnjährigen Wiederaufbau ihrer Hauptsynagoge »Ohel Jakob« (Jakobs Zelt) am Sankt-Jakobs-Platz in der Münchner Altstadt. Zu den prominenten Gästen zählen Münchens Ex-Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel und Christian Ude sowie die Bayerischen Ministerpräsidenten Günther Beckstein und Horst Seehofer.

Foto: © Dr. Dominik A. Faust
Zum zweiten verleiht die Gemeinde an diesem Tag die Ohel-Jakob-Medaille in Gold an Bundeskanzlerin Angela Merkel. Damit würdigt sie laut ihrer Präsidentin Charlotte Knobloch und Laudator Rabbiner Dr. Arthur Schneier, Oberrabbiner der Park East Synagoge New York, die herausragende Verdienste der Kanzlerin „um das Judentum in Deutschland, ihren entschlossenen Einsatz gegen jede Form von Antisemitismus und ihr entschiedenes Bekenntnis zum jüdischen Staat Israel“. Die für die geladenen Gäste dieses Anlasses angefertigte goldene Kippa halte ich bis heute in Ehren. Zur Ohel-Jakob-Medaille selbst heißt es, Vertreibung und Heimkehr sowie Auslöschung und Neuanfang seien ihre beiden Seiten.
Wieder sollen die Juden ausgelöscht werden
Dies bezog sich freilich insbesondere auf die von den Nationalsozialisten 1942 auf der Wannseekonferenz in Berlin akribisch geplante und danach von ihnen in Konzentrationslagern in ganz Europa grausam vollzogene Shoa mit rund sechs Millionen Toten. Doch die Gefahr ihrer Auslöschung ist für die Juden leider nicht 1945 mit dem NS-Regime untergegangen. Vielmehr unternahmen die Schergen der Hamas am 7. Oktober 2023 einen neuen Anlauf in Form einer abscheulichen Unmenschlichkeit. Sie attackierte nicht den Staat Israel, sondern töteten gezielt über 1.000 seiner jüdischen Bürgerinnen und Bürger im eigenen Land.
Sie löschten nicht nur das Leben unschuldiger Babies, Kinder, Jugendlicher auf feige, niederträchtige und bestialische Weise aus, sondern sie wollten damit auch ganz gezielt die Gewissheit jüdischer Menschen zerstören, in ihrem einst genau dafür gegründeten Staat Schutz und Sicherheit zu finden. Israel hat jetzt nach meiner festen Überzeugung alles Recht, sich gegen seine Vernichtung zu wehren und die Pflicht, seine jüdischen Bürgerinnen und Bürger vor Auslöschung zu schützen. Auch mit dem Mittel eines Verteidigungskrieges.
Der Lackmustest meiner Solidarität mit Israel
Doch der anstehende Krieg zur Vernichtung der Hamas-Terroristen wird für jeden von uns ein Lackmustest unseres Eintretens gegen Antisemitismus und für den Fortbestand des jüdischen Staates Israel sein, in dem sein Volk sicher ist.
- Ich weiß schon jetzt, dass ich schier verzweifeln werde ob der Tatsache, dass Männer, Frauen und Kinder, junge und alte Muslime im Gazastreifen trotz Vorwarnungen aus Israel als menschliche Schutzschilde missbraucht werden und in ihren Häusern auf den sicheren Bombentod warten müssen.
- Ich weiß schon jetzt, dass mich Bilder von durch die Israelischen Streitkräfte getöteten Zivilisten im Gazastreifen emotional sehr aufwühlen werden. Auch, weil ich weiß, dass die gezielte Verbreitung solcher Bilder genau diesem Zwecke dient. Das kennen wir nicht zuletzt aus Bosnien sowie seit bald zwei Jahren aus der Ukraine.
- Ich weiß schon jetzt, dass ich recht zeitnah die bange Frage stellen werde, ob Israel sein Kriegsziel nicht schneller als erreicht erklären kann, damit nicht noch mehr tapfere Soldatinnen und Soldaten der Israelischen Streitkräfte (IDF) ihr Leben lassen und ihre Hinterbliebenen lebenslang um sie trauern müssen.
- Und ich weiß schon jetzt, dass ich jede Bewegung auf dem Schachbrett der Internationalen Beziehungen bis in die Nächte hinein beobachten werden aus Sorge vor einem Flächenbrand in der Region – und hierzulande aus Sorge vor der „Gefahr antisemitischer Prägungen von Flüchtlingen aus einer völlig anderen religiösen und kulturellen Region“, wie Merkel 2016 sagte.
Hoffentlich werde ich den Lackmustest meiner Solidarität mit Israel bestehen. Meine Erinnerungen an den Kibbuz Grofit, an das fröhliche Fest eingedenk des Wiederaufbaus der Hauptsynagoge »Ohel Jakob« in München und nicht zuletzt meine feste Überzeugung, dass es jüdisches Leben in Deutschland mindestens noch einmal 1.200 Jahre lang geben soll, werden mir dabei helfen.

Shalom Israel!
Diesen Artikel habe ich erstmas am 14. Oktober 2023 auf LinkedIn publiziert.

