Elon Musk ist mit seinen Firmen Tesla, X und SpaceX nach Texas gezogen. Auch Oracle, HP und Toyota haben ihre Firmensitze dorthin verlegt. Kein Wunder, dass Städte wie Houston, San Antonio oder die Metropolregion Dallas-Fort Worth (DFW), auch Metroplex genannt, ständig wachsen. Unternehmen, die sich auf den Weg nach Texas machen, tun das in der Annahme, sich dort besser entfalten zu können als an ihren bisherigen Standorten. Natürlich spielen dabei handfeste Faktoren wie Steuersätze und andere politische Rahmenbedingungen eine Rolle. Aber es geht auch um die Mentalität der Menschen vor Ort.
Sie ist mir nicht ganz fremd: Ein Teil meiner Familie lebt in Texas. In den 80er Jahren war ich erstmals mehrere Monate in Dallas (und in anderen Teilen der USA). In Anlehnung an die Worte eines bekannten Fußballehrers würde ich sagen, ich hatte mich schockverliebt. Dazu hat auch das mehrtägige Praktikum beigetragen, das ich damals an der Seite meines Onkels Jerry Whitton beim Dallas Police Department absolvieren durfte.

Bis heute erlebe ich die Menschen in Texas als sehr selbstbewusst, erdverwachsen und gastfreundlich. Sie sind auch über das sonst üblich-oberflächliche Maß der US-Amerikaner hinaus offen und kommunikativ – wenn man auf sie zugeht und den Anfang macht. Vermutlich bedingen sich all diese Eigenschaften gegenseitig und sind in der wechselvollen Geschichte dieses stolzen und sich unabhängig fühlenden Lone-Star-States begründet, der übrigens doppelt so groß ist wie Deutschland.
Workation mit Hum & Haw in Texas
In diesem Sommer habe ich wieder ein paar Wochen in Texas verbracht. Diesmal mit meinen beiden Söhnen. Neudeutsch würde ich diese Zeit „Workation“ nennen, wobei die Waage gefühlt zugunsten der Vacation-Seite ausschlug. Allerdings kommt es darauf an, was man unter Arbeit versteht. Sicher war die Lektüre des Klassikers „Who Moved My Cheese“ von Spencer Johnson auch Vergnügen. Und sicher zahlen die wieder vielen Begegnungen mit Menschen in den USA auch auf die Work-Seite ein.
Apropos Umgang mit Veränderung: In der Parabel von Spencer Johnson gibt es zwei Mäuse („Sniff“ und „Scurry“), die gemeinsam mit zwei Zwergen namens „Hum“ and „Haw“ in einem Labyrinth leben. Eine unbekannte Hand füttert alle vier Kreaturen jeden Tag an gleicher Stelle mit Käse. Doch eines Tages gibt es dort keinen Käse mehr. Während die Mäuse sich sofort im Labyrinth auf die Suche nach neuem Käse machen, zaudern die Zwerge. Sie halten an alten Gewohnheiten fest, hoffen, dass der alte Käse zurück kommen wird.

Die Veränderungsstrategie von Spencer Johnson
Es ist kein Zufall, dass Spencer Johnson seine zaudernden Zwerge auf das englische Begriffspaar „hum and haw“ taufte, denn es bedeutet soviel wie „herumdrucksen“. Genau das tun die beiden, als sie mit der großen Veränderung konfrontiert werden. Erst sehr spät fasst sich einer der beiden Zwerge („Haw“) ein Herz und wird aktiv. Bei seinem Umgang mit der Veränderung reifen in ihm sechs interessante Erkenntnisse, die er für seinen Kollegen notiert. Daraus entstand das, was in deutscher Sprache seit 1998 als „Die Mäusestrategie für Manager“ verkauft wird. Die wichtigsten Tipps darin lauten:
- Sei mutig!
- Sei aufmerksam, um sich anbahnende Veränderungen zu erkennen!
- Sei kein Getriebener, sondern verlasse deine Komfortzone und werde aktiv!
- Wage Neues und lass alten Käse rasch los, damit du umso schneller neuen findest.
- Suche lieber in einem Labyrinth nach einer Lösung als untätig zu verharren!
- Sei offen für Neues, denn alte Überzeugungen führen dich nicht zu neuem Käse!
Wichtige Change-Eigenschaften der Texaner
Und hier kommen wir zurück zu Texas: Alle Unternehmer, die ihre Firmen von Kalifornien oder sonstwo dorthin umgezogen haben, wandten bewusst oder unbewusst die Strategie bzw. Tipps von Spencer Johnson an. Und viele von ihnen werden im Zuge ihrer Due Diligence festgestellt haben, dass die Menschen in Texas von Hause aus genau jenen Mut, jene Wachsamkeit, jene zupackende Art mitbringen, die sie betriebliche Veränderungen leichter bewältigen lassen. Das ist ein großer Vorteil etwa im Hinblick auf digitale Transformation, Umstrukturierung, neue Prozessen etc.
Sicher: Auch in Texas ist nicht alles Gold, was glänzt. Beispielsweise hinkt man dort in Sachen Umweltschutz auf Mikroebene zum Teil Jahrzehnte hinter unseren Standards zurück. Ähnliches gilt für die Pflege der Verkehrsinfrastruktur. Hinzu kommt die tiefe Spaltung der Gesellschaft, insbesondere zwischen liberaler Stadtbevölkerung und konservativer Landbevölkerung.
Von Texas lernen …
Doch darum geht es mir an dieser Stelle nicht. Ich meine vielmehr den Spirit, das Mindset der Texaner. Etwas davon wünsche ich mir für uns und unser Land:
- Mögen wir wieder mehr Selbstbewusstsein, Leistungsorientierung, Experimentierfreude in uns und für uns entdecken.
- Möge wir uns wieder leichter wechselseitig öffnen und aufeinander einlassen.
- Mögen wir wieder mehr Chancen erkennen statt Risiken.
- Mögen wir wieder mehr tatkräftig anpacken statt bürokratisch zaudern.
- Mögen wir wieder groß denken und handeln statt uns im Klein-Klein verlieren.
Dann können wir auch die Transformation schaffen von einer andauernden volkswirtschaftlich-gesellschaftlichen Depression hin zu einem zugkräftigen Innovationsmotor Europas.
Diesen Artikel habe ich erstmas am 26. September 2024 auf LinkedIn publiziert.

