Die Europäische Union (EU) ist ein starkes Versprechen: längste Friedensperiode der Neuzeit, gemeinsamer Markt, gemeinsame Regeln, gemeinsame Währung, offene Kapitalströme, offene Grenzen. Deutsche Unternehmen, aber auch die Bundesregierung, waren Jahrzehnte lang überzeugt, die EU wäre auch ein Rahmen für internationale Kooperationen auf Augenhöhe und für paritätischen Nutzen. Doch diese Annahme war falsch. Denn Frankreich, Italien, Spanien, Belgien und andere Mitgliedsstaaten betrachteten die EU schon immer durch die Brille ihrer jeweiligen nationalen Industrie-, Finanz- und Sicherheitsinteressen. Deutschland tat das (zu) lange nicht, glaubte, der Binnenmarkt ersetze strategisches Denken. Das rächt sich immer öfter zum Nachteil unserer Volkswirtschaft, wie ich an vier Beispielen zeigen. Heute: Commerzbank.
Wie Italien die deutsche Volkswirtschaft schwächt
Vor zwei Jahren hielt der Bund noch 16,49 Prozent an der Commerzbank (Coba). Im September 2024 verkaufte er dann über den Finanzmarktstabilisierungsfonds 4,49 Prozent an die italienische UniCredit für rund 702 Millionen Euro. Der Grund? Im Accelerated-Bookbuilding-Verfahren hatten die Italiener das beste Angebot abgegeben. Es lag deutlich über dem Aktienkurs nach Börsenschluss. Da sich die UniCredit parallel über den Markt weitere Anteile gesichert hatte, besaß sie damals unmittelbar rund 9,5 Prozent an der Coba. Im April 2026 hielt sie bereits 26,77 Prozent. Am 4. Mai stimmten UniCredit-Aktionäre einer Kapitalerhöhung von bis zu ca. 6,7 Milliarden Euro zu, um ein Tauschangebot für Coba-Aktien zu ermöglichen. CEO Andrea Orcel nähert sich also mit großen Schritten seinem Übernahmeziel. Wirtschaft und Politik in Deutschland wehren sich dagegen.
„Erst machen wir italienische Banken fett, dann entreißen sie uns die Coba“
„Naja, das ist halt Marktwirtschaft und Teil einer Bankenkonsolidierung in der EU“, werden viele denken. Doch wer so denkt, dem ist der Blick aufs große Ganze verstellt: Denn die Commerzbank ist ein Stützpfeiler der deutschen Wirtschaft. Sie hat mehr als 25.000 Geschäftskunden aus dem Mittelstand, sie wickelt fast ein Drittel der deutschen Außenhandelszahlungen ab und beschäftigt mehr als 42.000 Menschen. Kein Wunder, dass sich die Coba spätestens seit dem Antritt von CEO Bettina Orlopp massiv gegen die Übernahme wehrt.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, auf den Hauke Reimer, stv. Chefredakteur der WirtschaftsWoche (WiWo) in seinem Newsletter hinweist – unter Berufung auf einen Hedgefondsmanager: In der Finanz- und Schuldenkrise (sie dauerte unterm Strich von 2008 bis 2015) hatte die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen künstlich niedrig gehalten – um die EU-Mitglieder mit hoher Staatsverschuldung und fehlender Haushaltsdiszipin zu schonen. Dadurch warfen jedoch die wegen des deutschen Leistungsbilanzüberschusses im Ausland angehäuften Vermögen deutscher Unternehmen (zeitweise über 2 Billionen Euro) geringere Zinserträge ab. Experten wie das ifo-Institut gehen von mehreren hundert Milliarden Euro entgangener Einnahmen über die gesamte Niedrigzinsphase aus.
In dieser Höhe sparten sich umgekehrt die Euroländer im Süden der EU – darunter Italien – Kreditzinsen. Deutschland finanzierte also in der Krise die Volkswirtschaft Italiens und dortige Banken wie eben die UniCredit. Nun will sich diese einen Stützpfeiler der deutschen Wirtschaft einverleiben. Oder wie Reimer es ausdrückt:
„Deutschland hilft der italienischen Wirtschaft und macht die italienischen Banken fett – und Italiener entreißen uns dafür unsere wertvolle Commerzbank, so das einleuchtende Narrativ.“
Hauke Reimer, Wirtschaftswoche
Wie die UniCredit deutsch werden und erneut profitieren könnte
Nun könnte man wiederum einwerfen, dass nach einem Verkauf der Commerzbank an die UniCredit andere Banken in Deutschland die Finanzierung des Mittelstands übernehmen könnten. Doch auch das wäre zu kurzsichtig gedacht. So weist der Ökonom Hans-Werner Sinn ebenfalls in der WiWo auf folgendes Risiko hin: Im Fall einer Wirtschaftskrise in Italien könnte sich die UniCredit über ihre (dann vorhandene) Tochter Coba unter den Schutz des deutschen Einlagensicherungsfonds (ESF) innerhalb des Bundesverbandes deutscher Banken e.V. stellen. Der sichert Bankguthaben von Unternehmen ab, falls ihre Bank zahlungsunfähig würde.
Das Prinzip der Einlagensicherung gilt zwar EU-weit, doch die den ESF speisenden deutschen Banken (nicht alle deutschen Banken sind ESF-Mitglieder) bieten ihren Kunden einen z.T. 300-fach höheren Schutz als in anderen EU-Ländern. Diesen finanziellen Vorteil im Vergleich zum ESF in Italien könnte die UniCredit im Krisenfall dergestalt nutzen, dass sie mit ihrer (dann vorhandenen) Tochter Coba fusioniert, ihren Firmensitz nach Deutschland verlegt und dann als deutsche Bank die hohe Sicherheitsleistung des hiesigen ESF in Anspruch nimmt. Sie täte es ein weiteres Mal auf Kosten der deutschen Volkswirtschaft.
Die Büchse der Übernahme-Pandora lässt sich kaum wieder schließen
Die (nationale) Kontrolle über Banken ist also nie nur eine Frage etwa des Aktienrechts. Sie berührt vielmehr Kreditversorgung, Haftungsräume, Krisenmechanismen und staatliche Bonität. Die Bundesregierung hat das zu spät realisiert und verfügt nur noch über wenig Möglichkeiten, die Übernahme der Commerzbank durch die UniCredit zu verhindern. Mit dem vielleicht etwas unbedarften Verkauf der kleinen Aktienpakets an die UniCredit im Jahre 2024 hat sie gewissermaßen die Büchse der Übernahme-Pandora geöffnet. Wenngleich sie sie weiter ablehnt. So sagte ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums kürzlich:
„Der Bund unterstützt die Strategie der Eigenständigkeit der Commerzbank. Eine feindliche Übernahme wäre insbesondere mit Blick darauf, dass die Commerzbank eine systemrelevante Bank ist, nicht akzeptabel.“
Sprecher Bundesfinanzministerium
Titelbild: KI-generiert

Teil 2/4
Airbus als Beispiel für fehlendes strategisches Denken in Deutschland.

Teil 3/4
Dieses Thema behandelt fortgeschrittene Strategien und Techniken.

Teil 4/4
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