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Ob im Schützengraben, im Feldlager oder auf dem Flugdeck eines US-Flugzeugträgers: Soldatinnen und Soldaten brauchen im Einsatz mehr als Ausrüstung und Befehle. In diesem Artikel zeige ich, wie Truppenbetreuung von der Wehrmacht über die Bundeswehr bis zur amerikanischen USO-Tradition Moral, Zusammenhalt und Heimatbindung stärkt. Mein einwöchiger Team-Aufenthalt auf dem amerikanischen Flugzeugträger USS Harry S. Truman (CVN 75) inklusive BBQ für die knapp 5.000 Matrosen war ein Beispiel für privat organisierte Truppenbetreuung. Für mich und zwei weitere Mitglieder meiner Familie war es ein kleines Dankeschön an die US-Streitkräfte, die seit 1945 die Sicherheit Deutschlands und Europas garantieren. Für die übrigen Teammitglieder aus Texas war es ein patriotischer Dienst an ihren Streitkräften.

Parforceritt durch 150 Jahre deutsche Militärgeschichte

Auf der ganzen Welt sind Soldatinnen und Soldaten im Einsatz häufig über Monate oder gar über Jahre von ihren Familien und von ihren anderen sozialen Systemen getrennt. Das galt in den vergangenen 150 Jahren auch für Millionen deutsche Soldaten (Frauen dürfen in Deutschland erst seit 2000 Dienst an der Waffe leisten), wie die folgende skizzenhafte Aufstellung zeigt:

  • Im Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 mussten bis zu 80.000 preußische und österreichische Soldaten an die Front – für bis zu neun Monate.
  • Im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 rückten zwischen Juli 1870 und Mai 1871 rund 1,5 Mio. Deutsche ins Feld, wo sie zwischen sieben und elf Monaten fern der Heimat verbrachten.
  • Im 1. Weltkrieg kämpften ca. 13,25 Millionen deutsche Männer zwischen 1914 und 1918 monate- bzw. jahrelang in Schützengräben an der West- und an der Ostfront, arbeiteten in Etappenräumen, Lazaretten und Garnisonen. Über zwei Millionen von ihnen kehrten nicht lebend zu ihren Familien zurück.
  • Im 2. Weltkrieg kämpften über 17 Millionen deutsche Männer zwischen September 1939 und Mai 1945 ebenfalls monate- bzw. jahrelang an Fronten im Westen, Osten, Norden und Süden. Die Zahl der „deutschen militärischen Toten“ in diesem, durch die Nationalsozialisten initiierten 2. Weltkrieg, wird in der Wissenschaft mit 5,3 Mio. angegeben (Quelle: Rüdiger Overmans).
  • In Bosnien (IFOR / SFOR / EUFOR) betrug die Stehzeit deutscher Soldaten im Einsatz zwischen vier und sechs Monaten. Für diese Dauer waren zwischen 1996 und 2012 rund 65.000 deutsche Männer und Frauen in Bosnien-Herzegowina und in Kroatien stationiert (in diesem Artikel habe ich aufgelistet, wo 1996 deutsche Verbände auf dem Balkan stationiert waren).
  • In Afghanistan (ISAF / Resolution Support) schließlich, dem bislang letzten großen Auslandseinsatz der Bundeswehr, dienten zwischen 2002 und 2021 rund 93.000 Soldatinnen und Soldaten in 76 Kontingenten. Auch ihre Stehzeit lag zwischen vier und sechs Monaten. Viele dienten mehrfach, wodurch 160.000 Einsatzverwendungen aufliefen.

Truppenbetreuung für Moral und gegen Kriegsmüdigkeit

Derart lange Standzeiten wirken sich früher oder später auf die Stimmung in der Truppe aus, auf ihre Moral, auf die Motivation und Identifikation der Einzelnen. Kriegsmüdigkeit kann sich breit machen. Gefragt sind deshalb Maßnahmen zur psychologischen Kriegsbewältigung, die Erholung, Ablenkung, Zusammenhalt, Moral, Heimatbindung, Einsatzbereitschaft wieder fördern. Dazu gehören Auftritte prominenter Künstler, Filmvorführungen, Soldatenheime.

Truppenbetreuung in der Wehrmacht

Das nennt man „Truppenbetreuung“. Bis zum 2. Weltkrieg war sie in Deutschland primär lokal organisiert, improvisiert oder aus dem Umfeld von Soldaten-, Theater- und Musikgruppen. Erst die Nationalsozialisten entwickelten die Truppenbetreuung systematisch. Zuständig dafür war nach der Auflösung des Reichskriegsministeriums 1938 das neu geschaffene Oberkommando der Wehrmacht (OKW) – in Verbindung mit dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda (RMVP) von Joseph Goebbels sowie der Organisation „Kraft durch Freude“ (KdF).

Mit Schlagersängerinnen, Filmstars oder Fronttheatern erschufen OKW, RMVP und KdF spätestens ab Beginn des 2. Weltkriegs für die Soldaten der Wehrmacht eine wenige Stunden andauernde Gegenwelt aus weniger Kälte, Angst, Schmutz, Tod. Bekannt und beliebt bei den Soldaten waren etwa Marika Rökk und Lale Andersen, Letztere mit ihrem bis heute bekannten Lied „Lili Marlen“.

Truppenbetreuung in der Bundeswehr

In der 1955 gegründeten Bundeswehr startete die Truppenbetreuung als Teil der Fürsorgepflicht militärischer Führer um das persönliche Wohlergehen seiner Soldaten. Das entsprach dem in (West-) Deutschland neuen Prinzip der Inneren Führung und dem damit verbundenen Leitbild des „Staatsbürgers in Uniform“. Folglich bildete sich die Truppenbetreuung zunächst in einer standortbezogenen Struktur aus Fürsorge- und Freizeitangeboten sowie Soldatenheimen ab. Hervorzuheben sind hierbei die 1956 gegründete Katholische Arbeitsgemeinschaft für Soldatenbetreuung (KAS) sowie die 1957 gegründete Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Soldatenbetreuung (EAS). Beide widmen sich der außerdienstlichen Freizeit- und Familienbetreuung.

Wichtig: KAS und EAS waren zur Zeit des Kalten Kriegs Träger von mindestens 40 Soldatenheimen in (West-) Deutschland. Heute gibt es weniger als halb so viele Soldatenheime. Sie firmieren unter dem Namen „OASE“. Von diesen betreut die EAS zehn primär im Norden Deutschlands und die KAS sechs im Süden Deutschlands. Typisch für diese bewirtschafteten Häuser sind ein großer Saal für Festlichkeiten und Tagungen, Kegel- oder Bowlingbahn, Hotelzimmer, Bar, Außengastronomie und weitere vielseitig nutzbare Räumlichkeiten. Seit 1996 (Beginn der Mission IFOR in Bosnien) begleiten KAS und EAS mit der OASE-Einsatzbetreuung auch Soldatinnen und Soldaten in Auslandseinsätzen.

Zur Truppenbetreuung im weiteren Sinne zählen auch die Militärseelsorge sowie Betreuungsmedien wie Radio Andernach, BWTV und Online-Medien. In Auslandseinsätzen bilden sie den medialen Brückenkopf zur Heimat. Als langjähriger Presseoffizier d.R. schätze ich diese Arbeit der Kameradinnen und Kameraden.

Truppenbetreuung in den USA ist auch patriotischer Dienst

Richten wir nun den Blick aus Deutschland in die USA: Dort entwickelte sich in Sachen Truppenbetreuung eine andere, aber funktional vergleichbare Tradition. Die Akteure dort verstehen sie als Mischung aus ziviler Unterstützung, moralischer Stabilisierung, Freizeitgestaltung und patriotischem Dienst an den Streitkräften. Schon im 1. Weltkrieg spielten dabei zivile Organisationen wie YMCA, YWCA, Knights of Columbus, Jewish Welfare Board, Salvation Army und American Library Association wichtige Rollen: Sie betrieben Clubs, Hütten, Lesestellen, Freizeitprogramme und Unterhaltungsangebote.

1941 gründeten die genannten Organisationen auf Initiative von US-Präsident Franklin D. Roosevelt die United Service Organizations (USO). Bis heute stehen bei ihr „Morale, Welfare and Recreation“ (MWR) im Mittelpunkt. Sie organisierte nach der Gründung Reisen von Stars zu Truppen, die dort in Camps, Häfen, Lazaretten und später auch nahe der Front auftraten. Besonders Bob Hope wurde zur Symbolfigur amerikanischer Truppenunterhaltung. Seine Shows verbanden Witze, Musik, Glamour, lokale Anspielungen und patriotische Selbstvergewisserung. Marlene Dietrich, aus Deutschland emigriert und entschiedene Gegnerin des NS-Regimes, trat für amerikanische Truppen in Nordafrika und Europa auf. Glenn Miller, damals einer der populärsten Bandleader der USA, diente als Major und leitete eine Army-Air-Forces-Band.

Heute betreibt die USO weltweit mehr als 260 Standorte, darunter Center an Flughäfen, auf Militärbasen und in Einsatzräumen. Sie organisiert Programme für Familien, Kinder, Verwundete, Transition in zivile Karrieren, Freizeit, Resilienz und Gemeinschaft. Hinzu kommt eine digitale Dimension: Über die USO-App können Soldatinnen und Soldaten sowie ihre Familien USO-Standorte finden, Programme entdecken und digital einchecken. Für die vielen freiwilligen Helfer gibt es zudem eine eigene Volunteer-App zur Schichtplanung und Kommunikation.

Mit Steaks aus Texas zu US-Truppen in aller Welt

Nicht zuletzt aufgrund meiner familiären Verbindungen nach Texas ist mir Truppenbetreuung als patriotischer Dienst nicht fremd. So kam ich 2022 in Kontakt mit der privaten und gemeinnützigen 501 (c)(3) Organisation „Steak Team Mission“ aus Dallas, Texas. Sie war zwanzig Jahre vorher durch Harvey Gough von „Goff’s Hamburgers“ gegründet worden. Seit 2002 reist das Team zu US-Truppen, die im Ausland stationiert sind, um sie mit traditionellem Essen aus der Heimat zu bekochen. So war das Team bereits u.a. in Usbekistan, im Irak, in Afghanistan sowie an Bord mehrerer Kriegsschiffe der US Navy.

Eines davon war die USS Harry S. Truman (CVN 75), auf der ich mit dem Steak-Team knapp eine Woche verbrachte. Es kreuzte in diesem Sommer 2022 und somit kurz nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine unter NATO-Kommando (STRIKFORNATO) durchs Mittelmeer. An Bord gelangten wir mit Carrier On-board Delivery (COD) Maschinen vom Typ Grumman C-2A „Greyhound“. Weil wir mit diesen Propeller-Maschinen auf dem Flugzeugträger landeten (und eine Woche später mittels Katapultes wieder von dort starteten) ernannte uns Kapitän Gavin Duff durch individuelle Urkunden zu „Honorary Tailhooker“.

An Bord der USS Harry S. Truman

Die USS Harry S. Truman ist ein mit zwei Westinghouse A4W Nuklear-Reaktoren angetriebenes Schiff der Nimitz-Klasse mit 97.000 Tonnen Standardverdrängung. An Bord befinden sich 5.000 Männer und Frauen, knapp die Hälfte von ihnen ist 24/7 in den Flugbetrieb eingebunden. Geflogen werden knapp 90 Maschinen, primär F/A-18E Super Hornets, aber auch die genannten C-2A sowie Hubschrauber vom Typ Sikorsky MH-60S / MH-60R „Seahawk“. Die andere Hälfte der Mannschaft arbeitet fast ausschließlich in Bereichen unter Deck. Sie erstrecken sich auf zehn Stockwerke unter der Wasserlinie. Diese Leute sehen tagelang kein Tageslicht. Sie alle waren im Sommer 2022 bereits über sechs Monate fern ihrer Heimat unterwegs.

Deshalb bot das Steak-Team der US-Navy an, die Matrosen an Bord der USS Harry S. Truman zu bekochen. Die Marine und CVN-75-Kapitän Gavin Duff gaben ihre Zustimmung. So kauften wir tausende original T-Bone-Steaks aus Texas und ließen sie von dort einfliegen. Das rund 20-köpfige Team wiederum flog größtenteils aus Dallas über Rom an. Ich selbst reiste mit zwei weiteren Mitgliedern meiner Familie von München (MUC) nach Catania-Fontanarossa (CTA) auf Sizilien. Alle Kosten trugen die freiwilligen Truppenbetreuer aus eigener Tasche. Von Catania brachte uns ein Vertreter der US-Navy zunächst zum US-Militärflugplatz Sigonella (NSY), wo sich auch die Haupteinsatzbasis des NATO-Alliance Ground Surveillanc befindet. Von dort aus startete schließlich unsere C-2A übers Mittelmeer zur dort irgendwo kreuzenden USS Harry S. Truman.

BBQ auf dem Flugdeck mit 4.000 Steaks

In den ersten Tagen an Bord lernten wir das Schiff ein bisschen kennen. Wir wurden durch etliche Bereiche geführt und durften uns im Rahmen einiger Grenzen frei bewegen. In der Nacht vor dem Grillen haben wir bis zwei Uhr am Morgen die 4.000 Steaks in einer der Großküchen unter Deck aufgetaut und in großem Stil alle möglichen BBQ-Beilagen im Tex-Mex-Stil vorbereitet.

Truppenbetreuung auf Flugzeugträger 2
4.000 tiefgefrorene Steaks müssen bis zum Morgen auftauen, und die Beilagen müssen zubereitet werden.
Foto: © Dr. Dominik A. Faust
Der Autor (links) und sein Bruder bei der Truppenbetreuung auf der USS Harry S. Truman.
Foto: Alexander Faust
5.000 Matrosen der USS Harry S. Truman warten in sengender Hitze auf ein Texas T-Bone Steak.
Foto: Steak Team Mission

Am nächsten Tag hat unser Team dann auf dem 1,8 Hektar großen Flugdeck ein gigantisches BBQ veranstaltet: 20 Männer und Frauen grillten für 5.000 Soldatinnen und Soldaten (Matrosen) an zehn großen Kohlegrills die T-Bone Steaks aus Texas. Der Kapitän ordnete zudem den ersten Badetag des gesamten Einsatzes an. Auf diese Weise haben wir den Matrosen einen unvergesslichen Tag beschert, der als freiwillige Form der Truppenbetreuung nachhaltig auf die Moral und psychische Stabilität der Besatzung einzahlte (vgl. Video).

Titelbild: © Dr. Dominik A. Faust