Ich habe heute im Archiv geblättert und einen Zeitungsartikel mit dieser Schlagzeile gefunden: »Europa hat uns im Stich gelassen«. So zitierte ich im November 1991 einen Jugoslawen. Er hatte diesen Vorwurf wenige Monate nach Beginn des dortigen Krieges erhoben.

Damals studierte ich Internationale Beziehungen und arbeitete parallel als Journalist. Fünf Jahre später, im September 1996, begleitete ich Bundesverteidigungsminister Volker Rühe in Bosnien und berichtete über die IFOR-Truppen vor Ort (siehe Fotocollage oben). Damals galt es, das Dayton-Abkommen zu überwachen.

In den fünf Jahren zwischen der Schlagzeile von 1991 und meiner Reise durch das zerstörte ehemalige Jugoslawien 1996 lagen vier quälend lange Kriegsjahre (bis Ende 1995). Vier Jahre, in denen über eine Viertelmillion Menschen getötet wurde. Die allermeisten starben in Bosnien. Die Farbfotos in der Collage zeigen das zerstörte Sarajevo. Mehr Informationen gibt’s in diesem Blog-Post:

Hoffentlich wiederholen sich solche Vorwürfe nicht.

Geschichte wiederhole sich nicht, heißt es. Aber Vorwürfe können sich wiederholen. So etwa der Vorwurf gegen Europa und damit auch gegen Deutschland, wir hätten ein anderes europäisches Land im Stich gelassen. Denn 31 Jahre nach der erwähnten Schlagzeile herrscht wieder Krieg in Europa und wir müssen uns fragen: Tun wir Europäer genug für die Menschen in der Ukraine? Tun wir es rechtzeitig? Welche Optionen haben wir überhaupt? Wann wird dieser Krieg zu Ende sein? Wie viele Tote werden diesmal zu beklagen sein? Werden uns die Ukrainer einst vorwerfen können, wir hätten sie im Stich gelassen?

Bosnien ist nicht Ukraine. Geschenkt.

Keine Sorge: Mir sind die Unterschiede beider Kriege bewusst. Darum geht es mir hier auch nicht. Ich interessiere mich vielmehr für ihre Parallelen und frage, warum wir als Europäer über 30 Jahre nach dem verheerenden Bosnien-Krieg offenbar immer noch nicht Willens und in der Lage sind, Völkermord, Tod und Vertreibung auf unserem eigenen Kontinent effektiv und effizient zu verhindern oder wenigstens einzudämmen.

Geschichte wiederholt sich nicht?

Übrigens: Während wir alle gebannt und fassungslos nach Kiew, Mariupol, Lemberg und andere Schauplätze des Krieges in der Ukraine blicken, wird auf dem Balkan wieder gefährlich gezündelt. Insbesondere in Serbien.

„Mit Hilfe seiner staatlichen Auslandsmedien gelingt es Russland, die serbische Bevölkerung gegen die EU und andere internationale Akteure aufzuwiegeln.“

Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Friedrich-Naumann-Stiftung. Putin will Europa mit allen Mitteln destabilisieren. Und er hat die Macht dazu.

Und welche Macht hat Europa?


Diesen Text habe ich erstmas am 06. März 2022 auf LinkedIn publiziert.