Das Thema „Traditionspflege“ bleibt auch im 70. Jahr des Bestehens der Bundeswehr in ihr virulent. Zwar existiert seit 2018 ein neuer Traditionserlass, doch der wird spätestens seit der „Zeitenwende“ nach Beginn des Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine 2022 wieder hinterfragt. So hatte General Kai Rohrschneider, Abteilungsleiter Einsatzbereitschaft und Unterstützung Streitkräfte im Verteidigungsministerium, im Juli vergangenen Jahres (2024) ergänzende Hinweise zum Traditionserlass herausgegeben. Seine Initiative folgte der Forderung von Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) an die Bundeswehr zum Fähigkeitsaufbau von Kriegstüchtigkeit.
Kriegstüchtigkeit braucht soldatische Vorbilder
In den ergänzenden Hinweisen hieß es unter Verweis auf die Kriegstüchtigkeit: „Folglich muss auch in der Traditionspflege ein größeres Augenmerk auf militärische Exzellenz (Fähigkeit bzw. Können) gelegt werden gegenüber anderen traditionsstiftenden Beispielen wie klassische soldatische Tugenden (Charakter) oder Leistungen für die Integration der Streitkräfte in die Gesellschaft.“ Es bedürfe daher einer Klarstellung dazu, dass „ein Spielraum für traditionsstiftende Beispiele militärischer Exzellenz auch außerhalb der bundeswehreigenen Geschichte gegeben“ sei.
So hätten sich etwa die 40.000 Soldaten der Wehrmacht, die 1955 von der Bundeswehr übernommen worden waren, zu großen Teilen im 2. Weltkrieg im Gefecht bewährt. Weiter hieß es, dass Tradition nicht den Anspruch des makellosen Ideals erheben könne und menschliche Fehlbarkeit akzeptiere: „Im Einzelfall kann die Notwendigkeit einer Gewichtung zwischen etwaiger persönlicher Schuld und Leistung im Ergebnis zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen in Traditionsfragen führen.“ Das sei bei einer bewussten Auswahl aus der Geschichte gewollt und müsse kontrovers im Sinne des Traditionserlasses ausgetragen und ausgehalten werden.
Die ergänzenden Hinweise hat das Verteidigungsministerium dann einen Monat später wieder kassiert. Begründung: Sie hätten Zweifel am Grundsatz des Traditionserlasses von 2018 aufkommen lassen, der für ein klares Bekenntnis der Bundeswehr zu Demokratie und Rechtsstaat steht. Damit wurde ein weiteres Mal die fehlende Bereitschaft dokumentiert, anhand konkreter Fälle überhaupt zwischen persönlicher Schuld und soldatischer Leistung abzuwägen. Dabei müssten solche kontroversen Diskussionen – gerade im Sinne des Traditionserlasses von 2018 – ausgetragen und ausgehalten werden. Das sah auch General Kai Rohrschneider so in seinen ergänzenden Hinweisen.
Rohrschneider wurde übrigens im Oktober 2024 Kommandeur des Joint Support and Enabling Command (JSEC) der NATO sowie Befehlshaber des Multinationalen Kommandos Operative Führung in Ulm.
Das Dilemma der Bundeswehr seit 70 Jahren
Das Grundproblem der Traditionspflege in der Bundeswehr besteht seit jeher aus folgendem Dilemma:
- Einerseits ist die Bundeswehr die Parlamentsarmee unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Als Lehre aus den negativen Erfahrungen der Nazi-Herrschaft hat sie sich das Leitbild des mündigen Staatsbürgers in Uniform gegeben hat. Dieser ist dem Prinzip der Inneren Führung verpflichtet sowie Werten wie Demokratie und Menschenwürde. Entsprechend sollen soldatische Vorbilder dieses Leitbild teilen.
- Anderseits hat die Bundeswehr in den 70 Jahren ihres Bestehend nur wenige soldatische Vorbilder, die sich im Gefecht bewähren mussten. Prominenteste Ausnahme sind die Kameraden des Karfreitagsgefechts 2010. Doch eine Armee, die kriegstüchtig sein will und muss, braucht für ihre Männer und Frauen solch motivierenden Vorbilder an Tapferkeit und Mut. Die gab es wiederum zu Zigtausenden im 1. und 2. Weltkrieg, also in Wehrmacht und Reichswehr. Diese Streitkräfte dienten allerdings keinen Demokratien (außer die Reichswehr der kurzen Weimarer Republik).
Dieses Dilemma sollte sich im Laufe der Geschichte in dem Maße verschärfen, in dem die Traditionserlasse bzw. -richtlinien von 1965, 1982 und 2018 die Spielräume für historische soldatische Vorbilder stetig einschränkten – als politische Reaktion auf rechtsradikale Verdachts- und Vorfälle in der Bundeswehr.
Vertrauenskrise in der Bundeswehr
Diesen Zusammenhang arbeitete ich bereits 1998 als junger Journalist und Politikwissenschaftler in meinem Buch „Vertrauenskrise in der Bundeswehr“ auf. Relevanz erlangte das Thema damals aus drei Gründen:
- Zum einen stieg nach dem Ende des Kalten Krieges und des 1. Golfkriegs die Nachfrage nach UN-Blauhelmmissionen an. Die Bundeswehr reagierte darauf mit einer Intensivierung ihrer VN-Ausbildung in Hammelburg. Obwohl es sich um Friedensmissionen handelte, mussten die Soldaten (Frauen dürfen in der Bundeswehr erst seit dem 1. Januar 2001 Dienst an der Waffe leisten) auch den Umgang mit Sprengfallen, den Häuserkampf und andere Gefechtslagen üben.
- Darin hatte die Truppe aber keine Erfahrung und mithin keine eigenen und damit geeignete Vorbilder. Gleichzeitig bestand jedoch unter den Soldaten das Bedürfnis nach Orientierungsmustern für Mut und Tapferkeit. Was folgte, waren Frust, innere Emigration und Provokationen einzelner in Form der erwähnten Verdachts- und Vorfälle.
- Die damalige politische Führung reagierte leider überzogen und stellte durch verhängte Maßnahmen die ganze Truppe unter den Generalverdacht des Rechtsradikalismus und Rechtsextremismus.
Dies alles führte zur von mir beschriebenen Vertrauenskrise in der Bundeswehr. Im Buch erarbeitete ich auch Lösungsvorschläge, um diese Vertrauenskrise wieder überwinden zu können.
Rezensionen zu „Vertrauenskrise in der Bundeswehr“ (Auswahl)
„Sachlich argumentierende Streitschrift eines jungen bayerischen Journalisten und Reserveoffiziers, der eine zunehmende Verunsicherung von Teilen der Bundeswehr beklagt. Direkter Anlass sind die rechtsradikalen Vorfälle von 1997, das ‚Jagdfieber nach Affären‘ in den Medien und die Reaktion der politischen und militärischen Führungsspitze. [… ] Abhilfe sei, die Traditionsfrage neu zu klären, auch im Hinblick auf den 2. Weltkrieg. Thema und Engagement des Autors polarisieren […]“
ekz Informationsdienst
„[Der Autor] stellt die Entwicklung in einen großen Zusammenhang und klärt dabei die Begriffe ‚Rechtsextremismus‘, der ‚militärischen Tradition‘ und des ‚Vertrauens‘. Er behandelt die Aktionen und Reaktionen der Ereignisse des Jahres 1997. […] Er analysiert Überlieferungswürdiges aus der Zeit der Wehrmacht und davor sowie Traditionswürdiges aus der Bundeswehr. Denn die Wurzeln der Bundeswehr von heute reichen durch die Wehrmacht hindurch weit in die vergangenen 350 Jahre deutscher Militärgeschichte hinein. Vorbilder und Orientierungsmuster sind für Soldaten immer erforderlich. […] Das Buch behandelt das gestellte Thema in offener, gründlicher und ehrlicher Weise. […] Eine Pflichtlektüre für Führungskräfte in Streitkräften.“
Truppendienst 5/1998
offizielles Fachmagazin des Österreichischen Bundesheeres für Ausbildung, Führung und Einsatz
„[…] Der Autor, Presseoffizier der Reserve und z.Zt Promotionsstipendiat der Hanns-Seidel-Stiftung, befasst sich auch mit den Vorfällen des Jahres 1997 und bringt sie in Verbindung mit der seit der Gründung der Bundeswehr strittigen Frage nach der Übernahme und Gestaltung militärischer Traditionen. […] Ein ausführliches Quellenverzeichnis, Personen- und Sachregister, die Gegenüberstellung vom Traditionserlass von 1965 und den Richtlinien von 1982 machen das Buch zu einem hilfreichen Nachschlagewerk zum Thema Sicherheits/Gesellschaftspolitik.“
IDEA Spektrum 4/1998
„[…] Die Bundeswehr wurde mit dem Verdacht konfrontiert, sie sei von Rechtsextremisten unterwandert. Verteidigungsminister Volker Rühe fühlte sich derart unter Druck, dass er auf das Fehlverhalten einzelner Soldaten mit Sanktionen gegen alle Soldaten reagierte. Faust ist um einen Klärungsprozess innerhalb der Streitkräfte bemüht. Dazu hat er unter anderem vier Vorfälle einer eingehenden Untersuchung unterzogen. […] Der Autor geht aber noch weiter und stellt die Ereignisse in einen historischen Zusammenhang. Zu diesem Zweck zeichnet er den Umgang mit der Traditionsfrage innerhalb der Bundeswehr von den 50er Jahren bis heute nach. […]“
Fränkisches Volksblatt, 13.10.1998
„[…] Das Thema ‚Bundeswehr und Tradition‘ wird von den Ursprüngen der deutschen Wiederbewaffnung her souverän und kenntnisreich aufgezeigt, die Erschütterungen der Bundeswehr werden nicht verschwiegen und die peinliche Denunziation inner- wie außerhalb der Truppe beim Namen genannt mit abschließenden Lösungsvorschlägen. Dieses kenntnisreiche Buch ist ein Spiegel für alle in der Verteidigung unseres Landes handelnden Personen und gehört in die Hand jedes Parlamentariers und militärischen Vorgesetzten. […]“
Kameradschaftbund 6. Pz.-Div.
Disclaimer: Die Idee, mein Buch mit einem Vorwort des damals bekannten Generals zu versehen, kam vom Verlag. Dieser hatte kurz zuvor bereits ein Buch des Generals erfolgreich verlegt. Aus Marketingsicht sollte das Vorwort helfen, die Aufmerksamkeit für das erste Buch des jungen Autors und so dessen Absatz zu erhöhen.
Gewidmet meinem Großvater und WK1-Teilnehmer
Das Buch „Vertrauenskrise in der Bundeswehr“ habe ich meinem Großvater Anton Peter Faust gewidmet, der 1914 im Königlich Bayerischen 17. Infanterie-Regiment „Orff“ diente und am 30. Oktober 1914 bei Hollebeke vor Ypern verwundet wurde. Seine Geschichte als junger Soldat im 1. Weltkrieg habe ich recherchiert und in diesem Blog-Post aufgeschrieben:
Titelbild: © Dr. Dominik A. Faust

