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„In einem modernen Staat liegt die wirkliche Herrschaft in den Händen des Beamtentums.“

Max Weber

Das klingt wie ein Ausspruch aus unseren Tagen. Doch in Wahrheit stammt dieser Satz von einem Mann, der am 21. April dieses Jahres 155 Jahre alt geworden wäre: der in Erfurt geborene Nationalökonom und politische Soziologe Max Weber. Auf ihn geht auch eine Differenzierung zurück, die heute aktueller zu sein scheint als je zuvor. Weber unterschied nämlich zwischen Politikern, die für die Politik leben und solche, die von der Politik leben. Es wäre populistisch, würde man jetzt sagen, die zuletzt genannte Gruppe sei die größere – auch wenn viele den Eindruck haben.

Vater der Werturteilsfreiheit

Max Weber hätte dies übrigens erst gesagt, wenn er in einer empirischen Untersuchung auch zu einem solchen Ergebnis gekommen wäre. Denn er gilt in der Wissenschaft gleichsam als Vater der Werturteilsfreiheit, auf die sich die moderne Sozialwissenschaft stützt.

Für ihn musste strikt zwischen subjektiver Bewertung eines Ereignisses und dessen wissenschaftlicher Überprüfbarkeit getrennt werden. Tatsachen und Vorgänge sollten erklärt aber nicht bewertet werden. Aus diesem Grund wandte sich Max Weber auch dagegen, dass praktisches politisches Handeln mit soziologischen Erkenntnissen begründet wird. Politik und Wissenschaft (übrigens auch Wissenschaft und Moral) sollten nach seiner Theorie der Wertfreiheit immer streng getrennt werden.

Diesem Prinzip folgte der Professor auch in seinen politischen Schriften, die überwiegend im Kaiserreich (1871 bis 1918) entstanden. Darin setzte sich der „ökonomische Nationalist“, wie er sich 1895 in seiner akademischen Antrittsrede selbst bezeichnete, intensiv mit dem von Otto Eduard Leopold Fürst von Bismarck 1871 de facto gegründeten Deutschen Reich und dessen Volkswirtschaft und nationaler Identität auseinander.

Wie lange finden Bürokraten noch Gehorsam?

Auf einem anderen Gebiet sind Webers Ausführungen heute ebenfalls noch aktuell. So etwa die Diskussion über die Rolle der Parteien in der Gesellschaft. Weber, der übrigens Mitbegründer der Deutschen Demokratischen Partei war, erkannte bereits 1919, dass diejenigen innerhalb der Parteien die Macht haben und zu den Führern zählen, die darin kontinuierlich ihre Arbeit leisten und denen die Mitglieder folgen.

Klassisch bei Max Weber ist auch seine Auseinandersetzung mit den Begriffen „Macht“ und „Herrschaft“. Macht, so schrieb er, sei die Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstand durchzusetzen. Herrschaft dagegen basiere auf Legitimität und sei die Chance, für bestimmte Befehle Gehorsam zu finden. Das bedeutet also, dass Herrschaft auf der Freiwilligkeit der Beherrschten baut.

Wenn man das auf sein Eingangszitat überträgt, ging Weber davon aus, dass das Volk sich freiwillig von Staatsdienern bzw. Beamten bzw. Bürokraten beherrschen lässt. Mein Eindruck ist jedoch, dass diese Herrschaft immer mehr zur Macht degeneriert, weil Bürokratie immer seltener Gehorsam, sondern Wiederstand erfährt. Das gilt insbesondere für die Bürokratie der Europäischen Union.

Journalisten sind Demagogen

Max Weber hat sich im Zusammenhang mit Berufspolitikern auch mit Journalisten auseinandergesetzt. Sie bezeichnete er als die klassischen Demagogen, wobei er damit nicht „Volksverhetzer“ meinte (wie der Begriff oft abwertend übersetzt wird), sondern gleichsam die Oberstrategen. Er erkannte bereits Anfang des 20. Jahrhunderts, dass es über die Arbeit der Journalisten „die seltsamsten Vorstellungen“ gibt. Er verteidigte diese „Pariakaste“ wie er sie nannte und führte ihren schlechten Ruf auf die schwarzen Schafe und deren „verantwortungslose journalistischen Leistungen“ zurück. Denn die blieben wegen ihrer „oft furchtbaren Wirkung im Gedächtnis haften“.

Max Weber war Professor für Wirtschaftswissenschaften in Freiburg, Heidelberg, Wien und München, Herausgeber des Archivs für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik sowie Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Außerdem begleitete er als Sachverständiger innerhalb der deutschen Delegation die Verhandlungen in Versailles nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg. Darüber hinaus war Weber Mitglied der Kommission für die Weimarer Verfassung. Die erste Deutsche Republik, über deren Gestaltung er sich so viele Gedanken gemacht hatte, überlebte Max Weber jedoch nicht. Am 14. Juni 1920 starb er in München. Nach ihm ist dort der Max-Weber-Platz benannt.

Foto: Ernst Gottmann, Public domain, via Wikimedia Commons


Grundgerüste meines Artikels wurden erstmals am 22. April 1994, zum 130. Geburtstag von Max Weber, im Fränkischen Volksblatt publiziert. 25 Jahre später hat er offenbar nichts an seiner Aktualität eingebüßt.