Die Europäische Union (EU) ist ein starkes Versprechen: längste Friedensperiode der Neuzeit, gemeinsamer Markt, gemeinsame Regeln, gemeinsame Währung, offene Kapitalströme, offene Grenzen. Deutsche Unternehmen, aber auch die Bundesregierung, waren Jahrzehnte lang überzeugt, die EU wäre auch ein Rahmen für internationale Kooperationen auf Augenhöhe und für paritätischen Nutzen. Doch diese Annahme war falsch. Denn Frankreich, Italien, Spanien, Belgien und andere Mitgliedsstaaten betrachteten die EU schon immer durch die Brille ihrer jeweiligen nationalen Industrie-, Finanz- und Sicherheitsinteressen. Deutschland tat das (zu) lange nicht, glaubte, der Binnenmarkt ersetze strategisches Denken. Das rächt sich immer öfter zum Nachteil unserer Volkswirtschaft, wie ich in vier Teilen darlege. Heute: Hochtief, TenneT & Co.
Hochtief: Als spanische Stärke auf deutsche Sorglosigkeit traf
Ein älteres, aber lehrreiches Beispiel ist die Firma Hochtief. Die Wurzeln des traditionsreichen deutschen Konzerns reichen zurück bis ins Jahr 1873. Damals gründeten die Brüder Balthasar Helfmann und Philipp Helfmann die spätere „Aktiengesellschaft für Hoch- und Tiefbauten“. Der spanische Baukonzern Grupo ACS sicherte sich ab 2007 schrittweise die Kontrolle über den deutschen Bauriesen. Die BaFin genehmigte im November 2010 das Übernahmeangebot von ACS; Anfang 2011 hatte ACS eine Beteiligung von 29,9% erreicht, später 2011 dann die Mehrheit. Heute besitzen die Spanier 75,71%.
Hochtief war und ist kein staatlich kontrolliertes deutsches Unternehmen wie etwa die Commerzbank AG (vgl. Teil 1 dieser Serie). Trotzdem ist der Fall relevant, weil er zeigt, wie makroökonomische Kräfte und nationale Unternehmenslandschaften zusammenhängen. Spanien hatte vor der Finanzkrise einen massiven Bau- und Infrastrukturboom erlebt. Daraus entstanden international aggressive Baukonzerne. ACS nutzte diese Stärke, um einen deutschen Traditionskonzern zu übernehmen. Ab 2013 bauten die Spanier bis zu 1.000 Arbeitsplätze bei Hochtief ab – überwiegend in Deutschland.
Auch hier gilt: Das war nicht illegal und nicht per se illegitim. Aber es war strategisch. Wer glaubt, europäische Integration führe automatisch zu symmetrischen Chancen, übersieht die Realität: Ein gemeinsamer Währungs- und Kapitalraum kann dazu führen, dass Unternehmen aus einem Land mit Rückenwind aus Finanzierungsbedingungen, Binnenboom oder politischer Flankierung in anderen Ländern strategische Assets übernehmen.
50Hertz und TenneT: Deutschland lernt Strategie
Der Stromnetzbereich zeigt, wie sehr Deutschland inzwischen nachsteuert. 50Hertz, einer der vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber, wurde 2010 von Vattenfall an den belgischen Netzbetreiber Elia und den australischen Fonds IFM verkauft. Elia erhielt 60% und operative Kontrolle. 2018 griff der Bund dann über die KfW ein: Die staatliche Förderbank erwarb im Auftrag der Bundesregierung 20% an Eurogrid/50Hertz. Hintergrund war, dass Chinas State Grid Interesse an diesem Anteil hatte. Reuters berichtete damals, die KfW habe den Einstieg genutzt, um ein Angebot der chinesischen State Grid abzuwehren.
Noch aktueller ist TenneT Deutschland. Der deutsche Teil des niederländischen Netzbetreibers TenneT ist für die Energiewende zentral. Im Februar 2026 vereinbarte Deutschland den Kauf von 25,1% an TenneT Germany über die KfW. Ziel war laut Reuters, mehr Kontrolle über kritische Energieinfrastruktur zu gewinnen; Deutschland erhält damit unter anderem Aufsichtsrats- und Vetorechte bei wichtigen strategischen Entscheidungen.
Das ist bemerkenswert: Deutschland, lange zurückhaltend bei staatlicher Industriepolitik, baut inzwischen selbst Schutzpositionen auf. Offenbar hat Berlin verstanden, dass kritische Infrastruktur im Binnenmarkt zwar handelbar ist, aber politisch nie neutral wird.
Titelbild: KI-generiert

Teil 1/4
UniCredit vs. Commerzbank: Wie Italien die deutsche Volkswirtschaft schwächt.

Teil 2/4
Airbus als Beispiel für ausbaufähiges strategisches Denken in Deutschland.

Teil 3/4
Bei KNDS nicht die industriepolitischen Fehler machen wie bei Airbus.

