Die Europäische Union (EU) ist ein starkes Versprechen: längste Friedensperiode der Neuzeit, gemeinsamer Markt, gemeinsame Regeln, gemeinsame Währung, offene Kapitalströme, offene Grenzen. Deutsche Unternehmen, aber auch die Bundesregierung, waren Jahrzehnte lang überzeugt, die EU wäre auch ein Rahmen für internationale Kooperationen auf Augenhöhe und für paritätischen Nutzen. Doch diese Annahme war falsch. Denn Frankreich, Italien, Spanien, Belgien und andere Mitgliedsstaaten betrachteten die EU schon immer durch die Brille ihrer jeweiligen nationalen Industrie-, Finanz- und Sicherheitsinteressen. Deutschland tat das (zu) lange nicht, glaubte, der Binnenmarkt ersetze strategisches Denken. Das rächt sich immer öfter zum Nachteil unserer Volkswirtschaft, wie ich an vier Beispielen zeige. Heute: KNDS.
EADS als industriepolitische Blaupause für KNDS?
Betrachtet man die Geschichte der EADS bzw. Airbus aus dem Teil 2 dieser Serie und legt sie neben die jüngsten Entwicklungen beim deutsch-französischen Panzerbauer KNDS drängt sich der Verdacht einer industriepolitischen Blaupause auf. KNDS entstand am 15. Dezember 2015 aus der Fusion des traditionsreichen deutschen Panzerbauers Krauss-Maffei Wegmann (KMW) und des französischen (staatlichen!) Rüstungskonzerns Nexter Systems. Der neue Name setzt sich primär aus den Anfangsbuchstaben der Vorgängerfirmen zusammen: Krauss-Maffei Wegmann Nexter Defense Systems. Wie bei der EADS ist auch der juristischer Sitz von KNDS N.V. in den Niederlanden (hier: Amsterdam).
Auch bei diesem Zusammenschluss klangen die offizielle Erzählung europäisch: weniger Fragmentierung, mehr Skaleneffekte, stärkere gemeinsame Verteidigungsindustrie. Und auch hier ist diese Erzählung nicht falsch: Die EU braucht leistungsfähige Rüstungskonzerne. Sie braucht gemeinsame Standards, größere Produktionskapazitäten und industrielle Tiefe. Das galt zu Beginn der 2000er Jahre für die militärischen Luftfahrtsysteme wie es spätestens seit dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine für die militärischen Landsysteme gilt.
Noch versteht sich KNDS Deutschland als Systemhaus
Doch die strategische Frage dahinter lautet erneut: Wer führt am Ende das System? Wer kontrolliert die Plattformarchitektur? Wer besitzt die entscheidenden Entwicklungsrechte? Wo sitzen Engineering, Systemintegration, Programmführung und Exportmacht? Und welche Standorte werden in 15 oder 20 Jahren noch echte Kernkompetenzen halten? KNDS N.V. erklärte dazu im April 2024, die deutschen Standorte München und Kassel würden weiterhin auf schwere Kettenfahrzeuge spezialisiert bleiben, die Standorte Versailles und Roanne auf digitale Systemarchitektur und Radpanzer.
Ebenfalls positiv: Wie bei Airbus existiert auch bei KNDS weiterhin ein deutscher Zweig, die KNDS Deutschland GmbH (KNDS N.V. ist die Holding). Das ist für den deutschen Staat als Hauptauftraggeber von Rüstungsgütern auch unbedingt erforderlich. Schließlich geht es um nationale Sicherheitsinteressen, um Souveränitätsvorbehalte im Krisenfall, um Intellectual Property an Schlüsseltechnologien. Nach außen hin gibt sich KNDS Deutschland entsprechend selbstbewusst: Mit ihrem Selbstverständnis, Systemhaus zu sein, verbindet sie den Anspruch, nicht nur Komponenten zu liefern, sondern die gesamte Architektur und Integration komplexer Waffensysteme zu verantworten.
Unterschiede zu EADS/Airbus bei europäischen Projekten FCAS und MGCS
Mit diesem Selbstverständnis, das durch tatsächlich noch vorhandene Ressourcen untermauert ist, unterscheidet sich KNDS Deutschland bislang von der Blaupause EADS bzw. von Airbus Deutschland. Das gilt auch für einen anderen zentralen Punkt, nämlich für die Entwicklung europäischer (besser: multinationaler) Systeme: Während sich Airbus Defence & Space auch beim einst geplanten Future Combat Aircraft System (FCAS) nicht als Systemführer gegenüber Dassault durchsetzen konnte, schafft KNDS Deutschland beim geplanten Main Ground Combat System (MGCS) andere Fakten.
So hat KNDS Deutschland am 10. April 2025 zusammen mit KNDS France, Rheinmetall Landsysteme und Thales SIX die gemeinsame Projektgesellschaft MGCS Project Company GmbH (MPC) gegründet. Sie hat ihren Sitz in Köln! Außerdem übernimmt Deutschland die Führungsrolle bei der Entwicklung, Herstellung und Wartung des neuen, vernetzten Landkampfsystem MGCS. Das neue System hat vier Plattformanteile: Kanonenplattform, Flugkörperplattform, Kampfunterstützungsplattform und Einsatzsystem. Das MGCS soll in den 2040er Jahren den weltweit erfolgreichen deutschen Kampfpanzer Leopard 2 (KMW) sowie den französischen Panzer Leclerc (Nexter) ersetzen.
Vorsicht vor erneut schleichender Auflösung von Schlüsselkompetenzen
Doch anders als bei EADS bzw. Airbus darf Deutschland diesmal nicht nur auf Organigramme schauen! Entscheidend wird sein, wohin sich KNDS tatsächlich entwickelt. Das Hauptquartier der EADS war auch einst in Deutschland, und heute ist Airbus ein operativ französisch dominierter Konzern. Mit dazu beigetragen hat der einstige Airbus-CEO Dr. Thomas Enders („Major Tom“). Dass er seit dem 3. November 2025 Vorsitzender des Verwaltungsrats (Chairman of the Board of Directors) des KNDS-Konzerns ist, ist zumindest bemerkenswert. Das gilt auch für Jean-Paul Alary, seit dem 1. April 2025 KNDS-CEO. Ähnlich wie etwa der ehemalige EADS-CEO Louis Gallois ist auch Alary Absolvent einer französischen Kaderschmiede für Top-Manager, der strategisch denkt und ganz natürlich französische Interessen im Blick hat.
MBB wurde einst als nationaler Champion Deutschlands in eine europäische Struktur eingebracht und verschwand danach in Form von wesentlichen technologischen Schlüsselkompetenzen. Nun haben Industrie und Politik mit KMW erneut einen nationalen Champion Deutschlands in eine europäische Struktur eingebracht. Noch ist diese Geschichte nicht auserzählt. Noch kann KNDS auch zu einem starken deutsch-französischen Champion werden, der deutsche Standorte stärkt und europäische Verteidigungsfähigkeit erhöht. Aber die Risiken, dass das erneut misslingen kann, liegen klar auf dem Tisch.
Genau deshalb muss die Polit-Elite in Deutschland heute genauer hinschauen als bei der EADS bzw. Airbus. Denn die Erfahrung aus der militärischen Luftfahrt zeigt: Wer seine technologischen Schlüsselkompetenzen erst dann verteidigt, wenn sie organisatorisch, technologisch und personell bereits abgewandert sind, verteidigt meist nur noch Erinnerungen.
Europäische Rhetorik darf nicht noch einmal Strategie ersetzen
Deutschland darf bei KNDS nicht noch einmal glauben, europäische Beteiligung sei dasselbe wie industrielle Souveränität. Eine gemeinsame Holding ersetzt keine eigene Systemfähigkeit. Eine Projektgesellschaft ersetzt keine dauerhafte Kompetenzbasis. Und europäische Rhetorik ersetzt keine Standort-, Technologie- und Führungsstrategie. Gerade nach dem Verlust strategischer Tiefe im militärischen Flugzeugbau muss Deutschland verhindern, dass sich dieses Muster bei schweren militärischen Landfahrzeugen wiederholt. Die Leopard-Kompetenz darf nicht denselben Weg gehen wie große Teile der deutschen Kampfflugzeugkompetenz: formal europäisiert, praktisch entkernt.
Titelbild: KI-generiert

Teil 1/4
UniCredit vs. Commerzbank: Wie Italien die deutsche Volkswirtschaft schwächt.

Teil 2/4
Airbus als Beispiel für ausbaufähiges strategisches Denken in Deutschland.

Teil 4/4
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