Es fällt nicht leicht, die Gedanken des Bayernkönigs Ludwig I. nachzuvollziehen, die diesen wohl bewogen haben müssen, mitten in die fränkische Landschaft gleich einer ägyptischen Oase ein Stück griechisch-römischer Baukunst in Form des Pompejanums rekonstruieren zu lassen. Gewiss, der blaublütige Kunstmäzen verehrte die Befreiung der Griechen, ja er gab dem antiken Volk im Jahre 1832 sogar seinen zweiten Sohn Otto zum König. Aber deshalb gleich ein leibhaftiges Stück Antike am Main kopieren, in Franken also, das erst 1806 und Aschaffenburg sogar erst 1814 unter bayerische Krone gekommen war?

Vermutlich lässt sich das nur damit erklären, dass der gebürtige Straßburger Ludwig I. gleichsam ein Gefangener der Kunst gewesen ist, die ihn so sehr in seinen Bann gezogen hat, dass er München, die Hauptstadt seines Königreichs, durch tüchtige Hofbaumeister, wie Leo von Klenze, und Hofarchitekten, wie Friedrich von Gärtner, in eine Kunststadt verwandeln ließ und auch andernorts seinen Untertanen eindrucksvolle architektonische Denkmäler vorsetzte. So etwa den Kelheimern die Befreiungshalle, den Regensburgern die Ruhmes-Walhalla mit Büsten deutscher Dichter oder eben den Aschaffenburgern den Nachbau eines römischen Gebäudes.

Walhalla in Regensburg Foto: © Dr. Dominik A. Faust

1805 weilte König Ludwig I. in Pompeji

Freilich, wie konnte es bei König Ludwig I. auch anders sein, handelte es sich nicht um die Kopie irgendeines Hauses. Angeregt durch Johann Wolfgang v. Goethes italienische Reiseerzählungen hatte sich der damalige Kronprinz (Sohn des Königs Max I. Joseph) nämlich im Jahre 1805 auf die Reise nach Pompeji gemacht, jene Stadt, deren Schicksal so eng und so dramatisch mit dem benachbarten Vulkan Vesuv verbunden ist und aus dessen staubigen Schatten sie nie heraustreten konnte. Im sechsten Jahrhundert vor Christus war sie vermutlich durch Mitglieder des altitalienischen Volksstammes der Osker gegründet worden.

82 Jahre vor Christus hatten sie römische Feldherren zur Kolonie erklärt und im Jahre 63 nach Christus zerstörte sie ein gewaltiges Erdbeben. Die Wiederaufbauphase war noch nicht endgültig abgeschlossen, da rührte sich der brodelnde Berg sechzehn Jahre später erneut. Diesmal jedoch begnügte er sich nicht mit bebender Erde allein. Vielmehr begann er am 24. August 79 n. Chr. feurige Lava und tödlichen Staub auszuspucken. Schnell legte sich die dunkle Masse wie ein Totenschleier über Pompeji und begrub die Stadt unter einer bis zu sechs Meter dicken Schicht aus Asche und Bimsstein.

Haus der Zeus-Zwillinge als Vorbild

Doch es war nicht nur dieses Schicksal, das den Bayernkönig (er regierte ab 13. Oktober 1825) an Pompeji fasziniert hatte. Bei Ausgrabungen, denen er zwischen 1805 und fast bis zu seinem Tod 1868 immer wieder beiwohnte, glaubte er das damalige üppige Leben der Römer nachvollziehen zu können. Kein Wunder, dass dies bei ihm die Begeisterung für die Stadt weckte, denn für einen Mann wie Ludwig I. mussten Erinnerungen an blitzende Springbrunnen, an in lyrischen Purpur gekleidete Spaziergänger, an Bronzegefäße erlesenster Formen, an Müßiggänger, an Läden mit Marmorregalen tiefe innere Erregungen auslösen. Wer „Die letzten Tage von Pompeji“ von Edward Bulwer gelesen hat, kann diese Gefühle sicherlich verstehen.

So reifte alsbald beim König der Wunsch, auch in seinem Reich ein Zeugnis dieses antiken Luxus und dieser römischen Lebensart zu errichten. Da ihm Aschaffenburg ohnehin bereits sehr an Rom erinnerte, entschloss er sich, dort im Schatten seiner Sommerresidenz Schloss Johannisburg das „Pompejanum“ zu errichten. Als Vorlage sollte das in Pompeji 1829 ans Tageslicht der Neuzeit zurückgeholte Haus der beiden Zeus-Zwillinge Kastor und Polydeukes dienen. Diese beiden „Dioskuren“ (Söhne des Zeus) hießen auf Latein Castor und Pollux und galten in der griechischen Mythologie als Götter der Freundschaft, Schirmherren der Jünglinge und der Ritterschaft sowie als Beschützer der Kampfspiele. Castor als Rossbändiger und Pollux als Faustkämpfer. Auch als Helfer in der Schlacht und als Retter in der Seenot wurden sie verehrt.

Grundsteinlegung am 10. Juni 1843

Das „Casa dei Dioscuri“ war ein großes Wohnhaus einer wohlhabenden Familie. Seinen Namen erhielt es wegen einer Darstellung der beiden mythologischen Zeus-Zwillinge am Eingang. Bis Ende des Jahres 1839 hatte der Architekt von König Ludwig I., Friedrich von Gärtner, Pläne für das fränkisch-bayerische Faksimile nach der Vorlage des italienischen Originals erstellt. Die Grundsteinlegung für das Pompejianische Haus durch den Monarchen erfolgte am 10. Juni 1843. Eigentlich sollten die Arbeiten nur zwischen vier und sechs Jahren dauern. Doch mit den abschließenden Wandmalereien konnte die prachtvolle Villa erst im Herbst 1850 vollendet werden. Der bayerische König hatte sich einen weiteren Traum realisiert, ohne ihn allerdings als König noch genießen zu können. Denn zwei Jahre vorher, im Revolutionsjahr 1848, hatte er unter anderem wegen seiner Beziehung zu Lola Montez, abdanken müssen. Ihm folgte sein Sohn Maximilian II. Am 29. Februar 1868 starb Ludwig I. in Nizza.

1945 im Bombenhagel zerstört

95 Jahre nach seiner Vollendung ereilte auch das Abbild des Hauses aus Pompeji die Zerstörung. Sie kam ebenfalls von oben und ebenfalls in Form von Feuer und Tod. Doch kein schauriges Naturereignis legte das Aschaffenburger Pompejanum 1945 in Schutt und Asche, sondern die heiße Bombenwalze des zweiten Weltkrieges. Rund zwanzig Jahre danach wurde ein Großteil mit staatlichen Mitteln wieder aufgebaut. Nach der aufwendigen Restaurierung der Außenhaut hatte man sich um das Innenleben gekümmert. 50 Jahre nach dem alliierten Feuersturm erstrahlte die Villa wieder in neuern Glanz und wurde der Öffentlichkeit zugänglich gemacht: am 24. August 1994, am gleichen Tag also, als Pompeji 79 n. Chr. für fast 2000 Jahre in Schutt und Asche versank.

Titelbild: © Tropp84, CC BY-SA 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0, via Wikimedia Commons

Wesentliche Teile meines Artikels wurden erstmals 1994 in einer Sonderpublikation des damaligen Aschaffenburger Volksblatts veröffentlicht anlässlich der feierlichen Wiedereröffnung des restaurierten Pompejanums (allerdings mit einer bedauerlichen Verwechslung der beiden Schlösser Johannisburg und Schönbusch).